Weise Worte eines Gesundheitsministers (ein Weihnachtsgruß)

(von TeeJay)

Was soll man in diesen Zeiten in einen Weihnachtsgruß schreiben…?

Im letzten Jahr konnte man an dieser Stelle etwas über Hoffnung lesen.
Hoffnung ist gut und wichtig, und wir werden sie auch nicht verlieren, auch wenn es in diesen Tagen manchmal schwerfällt. Die Beschäftigung mit der Hoffnung führte recht leicht zum Thema Weihnachten, aber welche Brücke kann man aktuell schlagen?

Es gibt ein anderes Wort, welches in diesen schwierigen und emotional gefährlichen Zeiten wichtig ist und wohl noch wichtiger werden wird. Der Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat im Frühjahr dieses Jahres, unter dem Eindruck der ersten Welle der Pandemie, folgenden Satz gesagt:
„Wir werden in ein paar Monaten wahrscheinlich viel einander verzeihen müssen“.

Im Allgemeinen gelten Politiker nicht als Quelle von zitierfähigen Weisheiten. In diesem Fall muss man dem Herrn Spahn allerdings Einfühlungsvermögen und Weitsicht attestieren. Was genau er gemeint hat, können wir in diesen Tagen vor Weihnachten wohl besser verstehen, als im April 2020.
Jeden Tag schlagen seitdem die Wellen der Empörung höher und der Grad der persönlichen Diffamierungen und Beleidigungen steigt bedenklich an. Nahezu alle Beteiligten des öffentlichen Diskurses vergessen im Ringen um die vermeintlich richtige Lösung irgendwann ihre „gute Kinderstube“ und auch „Otto-Normalbürger“ schimpft auf alles und jeden, regt sich auf und verteilt Schuld als gäbe es kein Morgen.
Dabei scheinen wir gar nicht zu bemerken, wie dieses Virus unsere Gesellschaft immer mehr spaltet, uns in immer kleinere Gruppen separiert, bis wir am Ende in der totalen Vereinzelung der häuslichen und emotionalen Quarantäne gefangen sind.

Sollte diese Pandemie dann wirklich einmal vorbei sein, müssen wir wieder aus unseren selbst gegrabenen Löchern steigen und aufeinander zugehen, im Kleinen wie im Großen, in der Familie genauso wie in den großen Institutionen dieser Gesellschaft. Wenn der Pulverdampf sich verzogen hat, wird es wohl tatsächlich darum gehen, die Scherben des zerbrochenen Zusammenhaltes zusammenzukehren und einander unbedacht Gesagtes zu verzeihen – zu vergeben.

Vergebung, da haben wir doch unser Wort – unseren Gedanken!
Und was für einen!

Vergebung ist in allen drei abrahamitischen Religionen (Judentum, Christentum, Islam) wahrscheinlich die wichtigste Eigenschaft des einen Gottes. Vergebung bestimmt die Beziehung von Gott zu den Menschen und sollte auch die Beziehungen untereinander grundlegend leiten. Nun ist viel passiert seit den Zeiten Abrahams, und nicht zuletzt die Aufklärung hat bei den Christen zu anderen An- und Einsichten im Verhältnis zwischen Gott und den Menschen geführt.
In den Beziehungen zwischen den Menschen allerdings ist der Begriff geblieben, denn die Philosophie hat die Vergebung ebenfalls als einen zentralen Begriff aufgenommen und interpretiert.
Wir könnten also diese geradezu göttliche Gabe der Vergebung nutzen, um Gräben zu schließen und Wunden zu heilen. Wir könnten auf unsere Vorwürfe verzichten und nicht mehr nachtragend sein. Das ist nicht leicht, denn das empfundene Unrecht macht uns zu Opfern und andere zu Tätern. Denen müssen wir vergeben, auch ohne dass sie bedauern oder gar bereuen! Warum sollten wir das tun? Weil wir so die Opferrolle verlassen und wieder klar denken können. Weil es uns, und vielleicht auch die anderen, über den oftmals kleinkarierten Streit erhebt und wir so ein ganz klein wenig göttlich sein können.
Das passt in diese Zeit der Pandemie und das passt prima in die Weihnachtszeit. Also beruhigen und vergeben wir uns und den anderen, achten auf die Hygieneregeln und feiern ein Weihnachtsfest, dass wir wohl alle so leicht nicht vergessen werden!

Die Mitglieder des Boennering wünschen ruhige und durchaus nachdenkliche Weihnachten, ein stilles Sylvesterfest und ein gesundes, normales, neues Jahr.